Wer darf mitentscheiden?
Politik und Wirtschaft · Gesellschaftlicher Wandel · Kerncurriculum 11.2
Präsentation
Abschnitt betitelt „Präsentation“Leitfrage Wer darf mitentscheiden – und wie viel Mitbestimmung macht eine Demokratie aus?
Wer darf mitentscheiden?
Athen und die Bundesrepublik im Vergleich
Politik und Wirtschaft · Gesellschaftlicher Wandel
Ein Stein mit Schlitzen

Athen, 4. Jh. v. Chr. Vermutet: Wozu diente dieser Stein?
Auflösung
Ein Kleroterion, eine Losmaschine: Namensplättchen in den Schlitzen, Kugeln entschieden, welche Reihe Richter wurde.
Simulation: Volksversammlung (20 min)
- Jede und jeder zieht eine Rollenkarte.
- Die Versammlung berät und entscheidet: „Die Klasse fährt am Wandertag in den Kletterpark statt ins Museum.“
- Es gelten die Regeln Athens: Reden und abstimmen dürfen nur Bürger. Wer die Versammlung leitet, wird gelost.
Beobachtet: Wer setzt sich durch? Wer spricht viel? Wer bleibt still – und warum?
Wie war das?
Beschreibt, wie ihr euch in eurer Rolle gefühlt habt. Wer hat entschieden – und wen betrifft die Entscheidung? Positionslinie: „Athen war eine echte Demokratie.“
Arbeitsauftrag (Partnerarbeit, 25 min)
- Arbeitet aus M1 und M2 heraus, wie die Demokratie in Athen funktionierte.
- Arbeitet aus M3 und M4 heraus, wie die Bundesrepublik organisiert ist und wie man sich beteiligen kann.
- Vergleicht beide im Raster M5: Wahlrecht · Beteiligungsformen · Institutionen · Machtkontrolle · Schutz von Minderheiten · Ausgeschlossene.
Scherbengericht
Tonscherbe (Ostrakon) mit dem Namen „Themistokles, Sohn des Neokles“, um 482 v. Chr.
Erklärt mit M1, was hier geschah. Welche Einrichtung erfüllt diese Aufgabe heute?
Auswertung: Vergleichsraster
| Athen | Bundesrepublik | |
|---|---|---|
| Wahlrecht | ||
| Beteiligung | ||
| Machtkontrolle | ||
| Minderheitenschutz | ||
| Ausgeschlossene |
Das Los heute?
2023 lud der Bundestag rund 160 ausgeloste Menschen in einen Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ ein. Im Januar 2024 legte er neun Empfehlungen vor. Entscheiden muss weiter der Bundestag.
Sollte Deutschland mehr per Los entscheiden lassen? Nennt je ein Argument dafür und dagegen.
Sicherung
Merksatz anzeigen
Athen war eine direkte Demokratie: Die Bürger entschieden selbst in der Volksversammlung, viele Ämter wurden gelost. Mitbestimmen durften aber nur erwachsene männliche Bürger; Frauen, Fremde und Sklaven blieben ausgeschlossen. Die Bundesrepublik ist eine repräsentative Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht, Gewaltenteilung und Grundrechten, die auch Minderheiten schützen (Art. 20 GG). Beteiligung ist zusätzlich über Parteien, Abstimmungen auf Landes- und Gemeindeebene, Petitionen, Initiativen und Demonstrationen möglich.
Noch einmal: Positionslinie
„Athen war eine echte Demokratie.“ Stell dich erneut auf und begründe mit einem Kriterium aus dem Raster.
vorher · nachher · Summe 0 → 0
Schreibaufgabe
Erörtere (etwa 200 Wörter): „Athen war demokratisch – aber nicht modern-demokratisch.“
Formulierungshilfe
Demokratisch war Athen, weil … · Modern-demokratisch bedeutet heute … (Art. 20, 38) · Im Unterschied dazu … · Ein Element, von dem wir heute lernen könnten, ist … · Insgesamt …
Material
Abschnitt betitelt „Material“Arbeitsaufträge
Abschnitt betitelt „Arbeitsaufträge“- Arbeite aus M1 und M2 heraus, wie die Demokratie in Athen funktionierte und wer mitbestimmen durfte.
- Arbeite aus M3 und M4 heraus, wie die Bundesrepublik organisiert ist und welche Beteiligungsformen es gibt.
- Vergleiche beide im Raster M5.
- Erörtere die Aussage „Athen war demokratisch – aber nicht modern-demokratisch.“
M1 Die Demokratie in Athen (Darstellung)
Abschnitt betitelt „M1 Die Demokratie in Athen (Darstellung)“
Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. regierten sich die Bürger Athens selbst. Das wichtigste Organ war die Volksversammlung (Ekklesia). Sie trat etwa vierzigmal im Jahr auf dem Pnyx-Hügel zusammen und entschied über Gesetze, Krieg und Frieden, Verträge und Ausgaben. Jeder Bürger durfte dort reden und Anträge stellen. Für wichtige Beschlüsse mussten mindestens 6.000 Bürger anwesend sein.
Vorbereitet wurden die Versammlungen vom Rat der 500. Seine Mitglieder wurden jedes Jahr aus allen Bezirken ausgelost; niemand durfte öfter als zweimal im Leben im Rat sitzen. Auch die meisten Ämter und die Geschworenen der großen Volksgerichte wurden gelost. Nur wenige Ämter, für die man Fachwissen brauchte, etwa die zehn Heerführer (Strategen), wurden gewählt. Für die Teilnahme an Rat und Gericht gab es ein Tagegeld, damit auch ärmere Bürger mitmachen konnten.
Um zu verhindern, dass ein Einzelner zu mächtig wurde, gab es das Scherbengericht (Ostrakismos): Einmal im Jahr konnte die Volksversammlung abstimmen, ob jemand verbannt werden sollte. Jeder Bürger ritzte einen Namen auf eine Tonscherbe. Wer die meisten Stimmen erhielt, musste Athen für zehn Jahre verlassen, behielt aber sein Vermögen.
Bürger waren nur erwachsene Männer, deren Eltern beide Athener waren. Für die Zeit des Perikles schätzt man ihre Zahl auf 30.000 bis 35.000. Frauen, in Athen lebende Fremde (Metöken) und die zahlreichen Sklaven hatten keine politischen Rechte. Wie viele Menschen insgesamt in Athen lebten, ist unbekannt; die Bürger waren jedenfalls nur ein kleiner Teil davon.
M2 Los oder Wahl? (Quelle)
Abschnitt betitelt „M2 Los oder Wahl? (Quelle)“Einordnung: Der Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) lebte in Athen und untersuchte in seiner „Politik“ die Verfassungen vieler griechischer Städte.
Ich meine zum Beispiel: Es gilt als demokratisch, dass die Ämter durch das Los besetzt werden, als oligarchisch dagegen, dass sie durch Wahl besetzt werden.
— Aristoteles, Politik IV 9 (1294b), übertragen
Oligarchie = Herrschaft weniger, meist der Reichen.
M3 Das Grundgesetz (Rechtstext, wörtlich)
Abschnitt betitelt „M3 Das Grundgesetz (Rechtstext, wörtlich)“Art. 20 (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. (3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden. (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Art. 21 (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. […]
Art. 38 (1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. (2) Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt. […]
Aus Art. 20 ergeben sich die Verfassungsprinzipien: Demokratie, Sozialstaat, Bundesstaat, Rechtsstaat (Bindung an Gesetz und Recht, Gewaltenteilung) und Republik (Staatsoberhaupt auf Zeit gewählt).
M4 Beteiligung heute (Darstellung)
Abschnitt betitelt „M4 Beteiligung heute (Darstellung)“In der repräsentativen Demokratie wählen die Bürgerinnen und Bürger Abgeordnete, die für sie entscheiden. Bei der Bundestagswahl 2025 gaben 82,5 % der Wahlberechtigten ihre Stimme ab (2021: 76,4 %). Neben Wahlen gibt es weitere Wege, mitzuwirken:
- Direkte Demokratie: Auf Bundesebene gibt es keine Volksabstimmungen über Gesetze. In Hessen können Bürgerinnen und Bürger über Volksbegehren und Volksentscheide Landesgesetze anstoßen, in den Gemeinden über Bürgerbegehren und Bürgerentscheide abstimmen.
- Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit (Art. 21 GG); man kann Mitglied werden, ab einem bestimmten Alter auch in Jugendorganisationen.
- Petitionen: Jeder darf sich mit Bitten und Beschwerden an Parlamente wenden.
- Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Vereine und Initiativen vertreten Interessen, etwa im Umwelt- oder Menschenrechtsschutz.
- Demonstrationen sind durch die Versammlungsfreiheit geschützt (Art. 8 GG).
- Bürgerräte: 2023 setzte der Bundestag einen Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ ein. Rund 160 Menschen wurden ausgelost, berieten über Monate und legten im Januar 2024 neun Empfehlungen vor. Die Empfehlungen sind nicht bindend; was davon umgesetzt wird, entscheidet der Bundestag.
M5 Vergleichsraster
Abschnitt betitelt „M5 Vergleichsraster“| Kategorie | Athen (5./4. Jh. v. Chr.) | Bundesrepublik heute |
|---|---|---|
| Wahlrecht: wer darf mitentscheiden? | ||
| Beteiligungsformen | ||
| Institutionen | ||
| Machtkontrolle | ||
| Schutz von Minderheiten | ||
| Ausgeschlossene Gruppen |
Rollenkarten für die Simulation (zum Ausschneiden)
Abschnitt betitelt „Rollenkarten für die Simulation (zum Ausschneiden)“Für eine Klasse mit etwa 24 Personen: 6 Karten „Bürger“, 6 „Ehefrau oder Tochter eines Bürgers“, 4 „Metöke“, 8 „Sklave oder Sklavin“. Die Anteile sind vereinfacht; die tatsächlichen Zahlen sind nicht genau bekannt.
| Rolle | Was du darfst |
|---|---|
| Bürger (erwachsener Mann, Eltern beide Athener) | reden, Anträge stellen, abstimmen; du kannst als Versammlungsleiter gelost werden |
| Ehefrau oder Tochter eines Bürgers | zuhören ist nicht vorgesehen; du darfst nicht reden und nicht abstimmen |
| Metöke (Fremder, lebt und arbeitet in Athen, zahlt Steuern) | nicht reden, nicht abstimmen |
| Sklave oder Sklavin | keine Rechte; du arbeitest für deinen Besitzer |
Quellen
Abschnitt betitelt „Quellen“- Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung „Demokratie“, Kapitel „Grundzüge der athenischen Demokratie“ (Bürgerzahl, Quorum 6.000, Los).
- Aristoteles, Politik IV 9 (1294b), eigene Übertragung.
- Grundgesetz, Art. 8, 20, 21, 38 (gesetze-im-internet.de, abgerufen am 30.10.2026).
- Die Bundeswahlleiterin: Pressemitteilung Nr. 29/25 vom 14. März 2025 (endgültiges Ergebnis der Bundestagswahl 2025).
- Deutscher Bundestag: Pressemitteilung vom 14. Januar 2024 und Drucksache 20/10300 (Bürgerrat „Ernährung im Wandel“).
- Bilder: Kleroterion, Foto Zde, CC BY-SA 4.0; Ostrakon des Themistokles, gemeinfrei; Pnyx, Foto Tomisti, CC BY-SA 4.0; alle Wikimedia Commons.
- Darstellungstexte, Simulation und Aufgaben selbst erstellt. Idee der Stunde aus der Präsentationsreihe der Lehrkraft.
