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Wer bestimmt, wer wir werden?

Politik und Wirtschaft · Gesellschaftlicher Wandel · Kerncurriculum 11.1

Leitfrage Wie viel Freiheit hat der Einzelne gegenüber den Erwartungen der Gesellschaft?

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Expertengruppe (35 min):

  1. Arbeite aus den drei Texten deiner Gruppe heraus, wie die Gesellschaft Menschen formt.
  2. Fülle das Raster aus und belege jede Eintragung mit einer Textstelle (Text und Absatz oder Stellenangabe).
  3. Bearbeite die Zusatzaufgaben deiner Gruppe.

Stammgruppe (30 min): Stellt eure Ergebnisse vor, füllt das Vergleichsraster gemeinsam aus und vergleicht die vier Gesellschaften.

Schreibaufgabe: Beurteile die Aussage „Sozialisation ist immer auch politisch.“ Begründe dein Urteil mit mindestens einem historischen und einem heutigen Beispiel.

Kategorie Eure Ergebnisse Beleg
Ziel der Erziehung
Erwartete Rolle der Männer
Erwartete Rolle der Frauen
Verhältnis von Individuum und Staat
Sanktionen bei Abweichung

Worterklärungen: Spartiaten = Vollbürger Spartas · Heloten = unfreie, an das Land gebundene Bevölkerung im Besitz des Staates · Perioiken = freie Bewohner ohne Bürgerrecht · Agoge = die staatliche Erziehung der Jungen · Syssitien = gemeinsame Mahlzeiten der erwachsenen Spartiaten · Ephoren = jährlich gewählte Aufsichtsbeamte

Zusatzaufgaben: 1. Überprüft die Quellen: Wer berichtet, wann, aus welcher Perspektive? Welche Aussagen stützen mehrere Texte, welche stehen allein? 2. Formuliert eine Frage an die Gruppen B, C und D, die ihr in der Stammgruppe klären wollt.

Sparta lag im Süden der Peloponnes in der Landschaft Lakonien. Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. unterwarfen die Spartaner ihre Nachbarn, später auch das benachbarte Messenien. Die Bevölkerung dieser Gebiete wurde zu Heloten, die das Land bearbeiteten und einen Teil der Ernte abliefern mussten. Die Heloten waren den Spartiaten zahlenmäßig weit überlegen. Aufstände waren eine ständige Gefahr, und die Ephoren erklärten den Heloten jedes Jahr offiziell den Krieg, damit Gewalt gegen sie straflos blieb.

Die Spartiaten selbst durften keinen Handwerksberuf ausüben und kein Gewerbe treiben. Jeder von ihnen erhielt ein Landlos (Kleros), das von Heloten bewirtschaftet wurde. Wer seinen Beitrag zu den gemeinsamen Mahlzeiten (Syssitien) nicht mehr leisten konnte, verlor das volle Bürgerrecht. Bürger zu sein hieß also, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die ständig geprüft wurde.

Spartanische Jungen wurden mit sieben Jahren aus ihren Familien genommen und in Gruppen (agelai) eingeteilt. Aufseher war ein vom Staat bestimmter Beamter, der Paidonomos. Die Erziehung (Agoge) dauerte bis etwa zum 20. Lebensjahr. Danach wurden die jungen Männer in eine Speisegemeinschaft aufgenommen und dienten im Heer; die vollen Bürgerrechte erhielten sie erst mit 30 Jahren. Mädchen blieben im Elternhaus, erhielten aber ebenfalls körperliches Training.

Die Spartaner schrieben ihre Ordnung dem sagenhaften Gesetzgeber Lykurg zu. Ob er gelebt hat, ist unter Historikern umstritten. Schriftliche Zeugnisse der Spartaner selbst sind kaum erhalten. Fast alles, was wir über das Leben dort wissen, stammt von Autoren, die nicht aus Sparta kamen.

Einordnung: Plutarch (ca. 45–125 n. Chr.) war ein griechischer Schriftsteller und schrieb seine Lebensbeschreibung Lykurgs mehr als 700 Jahre nach der Blütezeit Spartas. Xenophon (ca. 430–354 v. Chr.) war Athener, lebte aber lange in Sparta und kannte spartanische Führungspersonen persönlich.

Quelle 1: Plutarch, Lykurg 16–17 (übertragen und gekürzt)

Das Neugeborene wurde nicht nach dem Willen des Vaters aufgezogen. Der Vater trug es an einen Ort namens Lesche. Dort untersuchten die Ältesten der Stämme das Kind. War es wohlgebaut und kräftig, ordneten sie an, es aufzuziehen, und wiesen ihm eines der 9000 Landlose zu. War es schwächlich oder missgestaltet, schickten sie es zu den sogenannten Apothetai, einer Schlucht am Fuß des Taygetos-Gebirges. Ein Leben, das von Natur aus nicht für Gesundheit und Stärke ausgestattet sei, nütze weder ihm selbst noch dem Staat.

Lesen und Schreiben lernten die Jungen nur, so viel sie brauchten. Die gesamte übrige Erziehung sollte sie dazu bringen, Befehle gut auszuführen, Strapazen zu ertragen und im Kampf zu siegen. Mit dem Alter wurden die Übungen härter: Die Köpfe wurden kahl geschoren, man gewöhnte die Jungen daran, barfuß zu gehen und meist unbekleidet zu spielen. Mit zwölf Jahren trugen sie kein Untergewand mehr und erhielten nur einen Mantel im Jahr. Sie schliefen in Gruppen auf Lagern aus Schilf, das sie mit bloßen Händen am Fluss Eurotas abbrachen. Messer waren verboten.

Quelle 2: Xenophon, Der Staat der Lakedaimonier 2 (übertragen und gekürzt)

Die übrigen Griechen lassen ihre Söhne von Sklaven begleiten und von Lehrern unterrichten. Lykurg dagegen setzte einen Mann aus den höchsten Ämtern als Aufseher ein. Dieser durfte die Jungen versammeln und jeden, der sich vergangen hatte, streng bestrafen.

Damit die Jungen nicht ohne Essen blieben, ließ Lykurg sie nur wenig bekommen. Sie sollten sich Nahrung durch List verschaffen und lernen, das Nötige zu stehlen. Wer beim Stehlen erwischt wurde, bekam Schläge, weil er sich ungeschickt angestellt hatte.

Quelle 3: Plutarch, Lykurg 18 (übertragen und gekürzt)

Man erzählt, dass ein Junge einen Fuchs gestohlen und unter seinem Mantel verborgen hatte. Er ließ sich vom Tier den Leib zerfleischen, ohne einen Laut von sich zu geben, damit man ihn nicht entdeckte, und starb. Das scheint nicht unglaubwürdig, wenn man die heutigen Epheben betrachtet. Ich habe selbst gesehen, wie viele von ihnen am Altar der Artemis Orthia unter Schlägen starben.

Hinweis zur Quellenlage: Eine Untersuchung von Knochenfunden in einer Schlucht am Taygetos (2007) fand keine Skelette von Neugeborenen. Wie diese Funde zu Plutarchs Bericht passen, ist in der Forschung umstritten.

Einordnung: Aristoteles (384–322 v. Chr.) lebte in Athen und untersuchte als Philosoph die Verfassungen vieler griechischer Staaten. Die „Sprüche lakonischer Frauen“ sind eine Sammlung von Anekdoten, die unter Plutarchs Namen überliefert ist.

Quelle 4: Plutarch, Lykurg 14–15 (übertragen und gekürzt)

Lykurg ließ die Mädchen im Laufen, Ringen, Diskus- und Speerwerfen üben. Ihre Körper sollten kräftig sein, damit auch die Kinder, die sie austrugen, kräftig heranwüchsen und die Frauen die Geburt gut überstünden.

Als eine fremde Frau zu Gorgo, der Frau des Königs Leonidas, sagte, nur die Spartanerinnen herrschten über ihre Männer, antwortete diese: „Wir sind ja auch die Einzigen, die Männer zur Welt bringen.“

Wer nicht heiraten wollte, durfte bei den Gymnopaidien, einem Fest nackter Tänzer, nicht zusehen. Im Winter mussten die Unverheirateten nackt über den Marktplatz gehen und dabei ein Lied singen, das sie selbst verspottete. Außerdem verloren sie die Achtung, die Jüngere den Älteren schuldeten.

Quelle 5: Plutarch, Sprüche lakonischer Frauen (Moralia 241f)

Eine Spartanerin reichte ihrem Sohn, der in den Krieg zog, den Schild und sagte: „Mit ihm oder auf ihm.“

Quelle 6: Aristoteles, Politik II 9 und VIII 4 (übertragen und gekürzt)

Lykurg habe auch die Frauen unter Gesetze stellen wollen, sei aber auf Widerstand gestoßen und habe es aufgegeben. Deshalb lebten die Frauen in jeder Art von Zügellosigkeit und Verschwendung. Fast zwei Fünftel des Landes gehörten Frauen. Die Spartaner übten ihre Söhne nur in einer einzigen Tugend, der Tapferkeit. Wer Kinder so erziehe, mache sie roh.

Worterklärungen: Paideia = Erziehung und Bildung · Kalokagathia = das Ideal des „schönen und guten“ Menschen · Pädagoge = Sklave, der ein Kind zur Schule begleitet · Metöken = in Athen lebende Fremde ohne Bürgerrecht · Epheben = junge Männer zwischen 18 und 20 in der Bürgerausbildung · Kyrios = männlicher Vormund einer Frau

Zusatzaufgaben: 1. Aristoteles kritisiert in Text B2 die athenische Praxis. Erläutert, worauf sich seine Kritik bezieht und was das für die Frage bedeutet, wer in Athen Menschen formte. 2. Perikles stellt Athen in Text B3 bewusst gegen einen anderen Staat. Ermittelt, welchen er meint, und erklärt, was diese Absicht über die Quelle aussagt. 3. Formuliert eine Frage an die Gruppen A, C und D.

Text B1: Athen und der Weg zum Bürger (Darstellung)

Abschnitt betitelt „Text B1: Athen und der Weg zum Bürger (Darstellung)“

Im 5. Jahrhundert v. Chr. war Athen die größte Polis Griechenlands und eine Demokratie: Die Volksversammlung entschied über Krieg und Frieden, Gesetze und Finanzen, viele Ämter wurden durch das Los besetzt. Bürger waren aber nur Männer, deren Eltern beide Athener waren. Frauen, Metöken und Sklaven waren von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen.

Eine staatliche Schulpflicht gab es nicht. Die Erziehung war Sache der Familien und kostete Geld. Bis zum siebten Lebensjahr wuchsen Kinder im Haus auf, betreut von Müttern, Ammen und Sklavinnen. Wer es sich leisten konnte, schickte seine Söhne danach zu Privatlehrern. Ein Pädagoge, meist ein Sklave, begleitete sie auf dem Weg. Es gab drei Fächer: Lesen, Schreiben und Dichtung beim Grammatistes, Musik und Gesang beim Kitharistes und Sport beim Paidotribes. Ärmere Familien konnten sich oft nur einen Teil davon oder gar nichts leisten.

Mit etwa 18 Jahren wurden junge Athener in die Liste der Bürger ihres Heimatbezirks eingetragen. Im 4. Jahrhundert v. Chr. folgte darauf die Ephebie, eine zweijährige Ausbildung mit Waffentraining und Dienst an der Grenze. Am Ende standen ein Eid und die Aufnahme in die Volksversammlung. Wer mehr wollte, bezahlte Wanderlehrer, die Sophisten, die Redekunst und Politik unterrichteten. Reden zu können, war in der Demokratie ein Weg zu Einfluss.

Mädchen besuchten in der Regel keine Schule. Sie lernten im Haus von ihren Müttern Spinnen, Weben und die Führung eines Haushalts; Lesen und Schreiben brachten ihnen manche Familien privat bei. Mit etwa 14 bis 16 Jahren wurden sie meist mit einem deutlich älteren Mann verheiratet, den der Vater ausgesucht hatte. Rechtlich stand eine Frau lebenslang unter der Vormundschaft eines Mannes, ihres Kyrios.

Das Bildungsideal hieß Kalokagathia: Körper, Geist und Charakter sollten zusammen gebildet werden. Die Vorstellungen darüber, wie das geschehen soll, gingen aber auseinander, wie die folgenden Quellen zeigen.

Einordnung: Platon (428–348 v. Chr.) lässt in seinem Dialog „Protagoras“ den berühmten Sophisten Protagoras erklären, wie Athener Kinder zu guten Bürgern werden. Aristoteles (384–322 v. Chr.), ein Schüler Platons, entwarf in seiner „Politik“ die Grundzüge eines idealen Staates.

Quelle 1: Platon, Protagoras 325c–326d (übertragen und gekürzt)

Von frühester Kindheit an bemühen sich Mutter, Amme, Pädagoge und der Vater selbst darum, das Kind möglichst gut zu machen. Bei jedem Wort und jeder Tat lehren sie: Das ist gerecht, das ist ungerecht; das ist schön, das ist hässlich; das ist fromm, das ist unfromm; tu dies, tu das nicht. Folgt das Kind, ist es gut. Folgt es nicht, richtet man es wie ein krummes und verbogenes Stück Holz mit Drohungen und Schlägen gerade.

Danach schicken sie das Kind zu Lehrern und legen ihnen mehr Wert auf gutes Benehmen als auf Buchwissen. Sind die Kinder des Lesens mächtig, lassen die Lehrer sie die Werke der guten Dichter lesen und auswendig lernen. Darin stehen viele Ermahnungen, Lobreden und Geschichten über berühmte Männer, damit der Junge sie bewundert und ihnen nacheifert. Die Musiklehrer sorgen für Besonnenheit; die Gymnastiklehrer für einen kräftigen Körper, damit sie nicht aus Schwäche im Krieg versagen.

Wenn sie aus der Schule entlassen sind, zwingt sie der Staat, die Gesetze zu lernen und nach ihnen zu leben, damit sie nicht nach eigenem Gutdünken handeln.

Quelle 2: Aristoteles, Politik VIII 1 (1337a) (übertragen und gekürzt)

Niemand darf glauben, ein Bürger gehöre sich selbst. Alle gehören dem Staat, denn jeder ist ein Teil des Staates. Die Sorge für den Teil muss sich nach der Sorge für das Ganze richten. Weil der Staat ein einziges Ziel hat, muss auch die Erziehung für alle dieselbe sein und Sache der Gemeinschaft, nicht Privatsache, wie es jetzt der Fall ist. Heute sorgt jeder für seine eigenen Kinder und lehrt sie, was ihm gut dünkt.

Einordnung: Perikles (ca. 495–429 v. Chr.) war der führende Politiker Athens. Seine Rede auf die Gefallenen des ersten Kriegsjahres gegen Sparta (431 v. Chr.) ist nur durch Thukydides überliefert, der sie nach eigenen Angaben dem Sinn nach wiedergibt. Die Reden vor Gericht stammen von Rednern, die für ihre Mandanten warben.

Quelle 3: Thukydides 2,37–41, Rede des Perikles (übertragen und gekürzt)

Unsere Verfassung heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenigen, sondern auf der Mehrheit ruht. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Im öffentlichen Ansehen zählt, was einer leistet, nicht aus welcher Schicht er kommt, und niemand ist wegen Armut vom Dienst am Staat ausgeschlossen.

Unsere Gegner üben sich von Jugend an in mühevoller Zucht auf Tapferkeit. Wir leben unbeschwert und gehen doch ebenso großen Gefahren entgegen. Wir lieben das Schöne mit Maß und das Wissen ohne Weichlichkeit. Wer an den Angelegenheiten des Staates nicht teilnimmt, gilt bei uns nicht als friedfertig, sondern als nutzlos. Die ganze Stadt ist die Schule von Hellas.

Quelle 4: Thukydides 2,45, Rede des Perikles (übertragen und gekürzt)

An die Frauen, die jetzt Witwen sind, ein kurzes Wort: Euer größter Ruhm ist es, nicht schlechter zu sein, als es eurer Natur entspricht, und wenn unter den Männern möglichst wenig von euch gesprochen wird, weder im Lob noch im Tadel.

Quelle 5: Rede gegen Neaira (Demosthenes zugeschrieben, 59,122) (übertragen)

Hetären halten wir uns zum Vergnügen, Nebenfrauen zur täglichen Pflege des Körpers, Ehefrauen aber, um rechtmäßige Kinder zu zeugen und um einen zuverlässigen Wächter des Hauses zu haben.

Quelle 6: Xenophon, Oikonomikos 7 (übertragen und gekürzt)

Ischomachos, ein wohlhabender Athener, erzählt, wie er seine Frau eingewiesen hat: Sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als sie zu mir kam, und hatte bis dahin unter strenger Aufsicht gelebt, damit sie möglichst wenig sah, hörte und fragte. Ich erklärte ihr, die Götter hätten dem Mann die Arbeiten im Freien zugewiesen, der Frau die Arbeit im Haus.

Quelle 7: Anklage gegen Sokrates, 399 v. Chr. (nach Xenophon, Erinnerungen an Sokrates 1,1,1; übertragen)

Sokrates handelt unrecht, weil er die Götter nicht anerkennt, die der Staat anerkennt, und stattdessen neue göttliche Wesen einführt. Er handelt auch unrecht, weil er die Jugend verdirbt.

Ein Geschworenengericht aus mehreren hundert Bürgern verurteilte Sokrates daraufhin zum Tod durch den Giftbecher.

Worterklärungen: familia = Hausgemeinschaft, zu der auch Sklaven gehörten · pater familias = das männliche Haupt der familia · patria potestas = die „väterliche Gewalt“ · mos maiorum = die „Sitte der Vorfahren“ · toga virilis = Männertoga, Zeichen des Erwachsenseins · matrona = verheiratete Frau aus angesehener Familie · Zensor = hoher Beamter, der u. a. die Sitten überwachte · imagines = Ahnenmasken aus Wachs

Zusatzaufgaben: 1. Der Jurist Gaius schreibt „wir“. Ermittelt, wer damit gemeint ist und wer nicht. 2. Vergleicht, was Rechtstexte über die Macht des Vaters sagen, mit dem, was Plutarch über Cato berichtet. Wo passen beide Bilder zusammen, wo nicht? Was könnte der Grund sein? 3. Formuliert eine Frage an die Gruppen A, B und D.

Text C1: Familie, Sitte und Bildung in Rom (Darstellung)

Abschnitt betitelt „Text C1: Familie, Sitte und Bildung in Rom (Darstellung)“

Im römischen Denken war die Familie (familia) die Keimzelle des Staates. Zu ihr zählten nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch Sklaven und Freigelassene, alle unter dem Dach eines Hauses. An der Spitze stand der pater familias, der älteste lebende Mann. Seine Macht (patria potestas) galt rechtlich bis zu seinem Tod, auch über erwachsene Söhne, solange er lebte. Frauen standen, je nach Form der Ehe, unter der Gewalt ihres Vaters oder ihres Mannes oder unter der Vormundschaft eines Mannes.

Neben dem Recht prägte die „Sitte der Vorfahren“ (mos maiorum) das Verhalten. Gemeint war eine Sammlung ungeschriebener Regeln, die aus den Erzählungen über frühere Generationen gewonnen wurde und Tugenden wie Pflichtbewusstsein (pietas), Würde (gravitas), Tüchtigkeit (virtus) und Verlässlichkeit (fides) forderte. Sie wurde in der Familie weitergegeben und von Beamten wie den Zensoren überwacht, die Verstöße öffentlich rügen konnten.

Eine staatliche Schule gab es nicht. In den ersten Lebensjahren übernahmen Mütter und Ammen die Kinder. Danach unterrichteten manche Väter ihre Söhne selbst; andere ließen sie von Hauslehrern, oft griechischen Sklaven, unterrichten oder schickten sie in eine private Elementarschule (ludus), in der Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt wurden. Mit etwa zwölf Jahren folgte der Unterricht beim Grammatiker, der Sprache und Dichtung vermittelte, mit etwa 16 der Rhetorikunterricht. Mit der Männertoga, meist zwischen 14 und 17 Jahren, galt ein Junge als erwachsen. Junge Männer aus der Oberschicht lernten danach bei erfahrenen Politikern, dienten im Heer und strebten Ämter an, die Frauen nicht offenstanden.

Mädchen wuchsen im Haus auf. Manche Familien der Oberschicht ließen sie lesen und schreiben lernen. Sie wurden meist zwischen zwölf und 16 Jahren verheiratet. Die Hausherrin (matrona) leitete den Haushalt, beaufsichtigte die Sklavinnen und zog die kleinen Kinder auf. Im Alltag hatten viele Frauen mehr Einfluss, als es das Recht nahelegt, das von Männern gemacht wurde.

Einordnung: Gaius war ein römischer Jurist des 2. Jahrhunderts n. Chr. Sein Lehrbuch „Institutiones“ erklärte Studenten das geltende Recht. Dionysios von Halikarnassos war ein griechischer Schriftsteller aus der Zeit des Augustus, der die Frühgeschichte Roms aufschrieb. Livius (59 v. Chr.–17 n. Chr.) schrieb eine römische Geschichte aus der Sicht eines Römers, der die Tugenden der Vorfahren hochhielt. Plutarch (ca. 45–125 n. Chr.) war Grieche und schrieb Lebensbeschreibungen berühmter Römer und Griechen.

Quelle 1: Gaius, Institutiones 1,55 (übertragen)

Auch unsere Kinder stehen in unserer Gewalt, die wir in rechtmäßiger Ehe gezeugt haben. Dieses Recht ist den römischen Bürgern eigen. Es gibt nämlich kaum andere Menschen, die über ihre Söhne eine so große Gewalt haben wie wir.

Quelle 2: Zwölftafelgesetz, Tafel 4 (um 450 v. Chr., übertragen)

Wenn ein Vater seinen Sohn dreimal verkauft, soll der Sohn vom Vater frei sein.

Quelle 3: Dionysios von Halikarnassos, Römische Frühgeschichte 2,26–27 (übertragen und gekürzt)

Romulus, der Gründer der Stadt, gab dem Vater die volle Gewalt über den Sohn für das ganze Leben: ihn einzusperren, auszupeitschen, in Fesseln auf dem Feld arbeiten zu lassen oder zu töten, und zwar auch dann, wenn der Sohn schon ein Staatsamt bekleidete.

Quelle 4: Livius, Römische Geschichte 2,5 und 8,7 (nacherzählt)

Im Jahr 509 v. Chr. beschloss die junge Republik, die Söhne des Konsuls Brutus zu bestrafen, weil sie sich an einer Verschwörung zur Rückkehr des Königs beteiligt hatten. Brutus musste als Konsul bei der Hinrichtung zusehen. Man sah ihm an, dass er als Vater litt, doch er erfüllte seine Amtspflicht. Im Jahr 340 v. Chr. ließ der Konsul Manlius Torquatus seinen eigenen Sohn hinrichten, weil dieser entgegen einem Befehl gekämpft hatte, obwohl er den Feind besiegt hatte.

Quelle 5: Plutarch, Cato der Ältere 20 (übertragen und gekürzt)

Cato wollte nicht nur ein großer Senator sein, sondern auch ein guter Ehemann. Er sagte, wer seine Frau oder sein Kind schlage, lege Hand an das Heiligste. Als sein Sohn alt genug war, unterrichtete er ihn selbst im Lesen, in den Gesetzen und im Sport: im Speerwerfen, im Kampf in Waffen, im Reiten, im Faustkampf, im Schwimmen. Die Geschichte Roms schrieb er mit eigener Hand in großen Buchstaben auf, damit der Sohn zu Hause die Taten der Vorfahren kennenlernte. Vor seinem Sohn sprach er kein unanständiges Wort, als wären Vestalinnen, die Priesterinnen der Göttin Vesta, zugegen.

Text C3: Rollen, Vorbilder und Kontrolle (Quellen)

Abschnitt betitelt „Text C3: Rollen, Vorbilder und Kontrolle (Quellen)“

Einordnung: Die Grabinschrift der Claudia stammt aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. und wurde auf Stein gemeißelt. Polybios (ca. 200–120 v. Chr.) war Grieche und lebte als Geisel und später als Freund Roms in der Stadt. Er schrieb für Griechen, um zu erklären, warum Rom zur Weltmacht aufgestiegen war. Cato der Ältere (234–149 v. Chr.) war Zensor und stand für eine strenge Auslegung der Sitte; Livius gibt seine Rede etwa 150 Jahre später in eigenen Worten wieder.

Quelle 6: Grabinschrift der Claudia (CIL I² 1211) (übertragen)

Wanderer, was ich zu sagen habe, ist wenig: Halte inne und lies. Dies ist das nicht schöne Grab einer schönen Frau. Ihre Eltern nannten sie Claudia. Ihren Mann liebte sie von Herzen. Zwei Söhne gebar sie; den einen lässt sie auf der Erde zurück, den anderen hat sie unter der Erde geborgen. Sie war freundlich im Gespräch und anmutig im Gang. Sie hütete das Haus, sie spann Wolle. Ich habe gesprochen. Geh.

Quelle 7: Polybios, Geschichte 6,53–54 (übertragen und gekürzt)

Wenn ein angesehener Mann stirbt, wird sein Leichnam auf den Marktplatz getragen. Dort hält ein Sohn oder ein Verwandter eine Rede über die Tugenden und Taten des Toten. Zum Begräbnis erscheinen Männer, die die Wachsmasken der verstorbenen Vorfahren tragen und deren Kleidung anlegen. So wird der Ruhm guter Männer immer wieder erneuert. Besonders die Jungen werden dadurch angespornt, alles für das Wohl des Staates zu ertragen, um denselben Ruhm zu erlangen.

Quelle 8: Cato nach Livius 34,2–3 (195 v. Chr., übertragen und gekürzt)

Anlass war die Forderung der Frauen, ein Gesetz aufzuheben, das ihnen Gold, bunte Kleidung und Wagenfahrten in der Stadt beschränkte. Cato sagte im Senat: Unsere Vorfahren wollten, dass Frauen nicht einmal in privaten Angelegenheiten ohne Vormund handeln. Hätte jeder von uns Recht und Würde des Ehemanns gegenüber seiner Frau gewahrt, hätten wir mit allen Frauen weniger Mühe. Sobald sie anfangen, uns gleichgestellt zu sein, werden sie uns überlegen sein.

Livius berichtet weiter, dass Frauen daraufhin auf den Straßen und vor den Häusern der Beamten demonstrierten. Das Gesetz wurde aufgehoben.

Worterklärungen: Sozialisationsinstanz = Person, Gruppe oder Einrichtung, die Menschen prägt · primäre Sozialisation = Prägung in der frühen Kindheit, vor allem in der Familie · sekundäre Sozialisation = Prägung durch Schule, Gleichaltrige und andere Einrichtungen · Peers = Gleichaltrige · Norm = Regel, die Verhalten vorschreibt · formelle Sanktion = Reaktion durch Regeln oder Institutionen · informelle Sanktion = Reaktion durch das soziale Umfeld

Zusatzaufgaben: 1. Unterscheidet in euren Ergebnissen, was eine Rechtsnorm fordert (Soll) und was Studien über das tatsächliche Leben zeigen (Ist). Wo stimmen beide überein, wo nicht? 2. Ergänzt in jeder Kategorie ein Beispiel aus eurem eigenen Leben und markiert es als „eigene Erfahrung“, nicht als Textbeleg. 3. Formuliert eine Frage an die Gruppen A, B und C.

In der Soziologie heißt der Prozess, in dem Menschen die Werte, Normen und Rollen ihrer Gesellschaft kennenlernen und ein Bild von sich selbst entwickeln, Sozialisation. Sie beginnt mit der Geburt und endet nicht in der Jugend. Dabei sind Menschen nicht bloß Empfänger: Schon Kinder beeinflussen mit ihren Wünschen und Reaktionen das Verhalten der Erwachsenen.

In Deutschland wirken mehrere Instanzen gleichzeitig. Die Familie prägt in der frühen Kindheit (primäre Sozialisation). Dazu kommen Kindergarten und Schule, später Ausbildung und Beruf, die als sekundäre Sozialisation beschrieben werden. In der Jugend gewinnen Freundinnen und Freunde an Bedeutung, weil Jugendliche dort Rollen ausprobieren können, ohne dass Erwachsene dabei sind. Hinzu kommen Medien, also Fernsehen, Streaming, Messenger und soziale Netzwerke. Sie liefern Vorbilder, Nachrichten und Vergleichsmaßstäbe, die früher vor allem von Familie, Kirche oder Schule kamen.

Identität gilt in der Jugend als Aufgabe: Wer bin ich, was will ich, wo gehöre ich dazu? In einer Gesellschaft mit vielen Lebensformen, Berufen und Weltbildern gibt es keine einheitliche Antwort mehr. Das eröffnet Wahlmöglichkeiten, kann aber auch überfordern.

Gesellschaften sichern ihre Normen durch Sanktionen. Formelle Sanktionen sind in Gesetzen, Verordnungen und Schulordnungen festgelegt, zum Beispiel Noten, Bußgelder oder Strafen. Informelle Sanktionen gehen von Mitmenschen aus: Lob, Spott, Ausgrenzung. Im Internet kann sich Spott schnell und öffentlich verbreiten.

Einordnung: Das Grundgesetz (GG) von 1949 ist die Verfassung der Bundesrepublik. Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ist ein völkerrechtlicher Vertrag, den Deutschland 1992 anerkannt hat.

Quelle 1: Grundgesetz (wörtlich)

Art. 2 (1): Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Art. 3 (2): Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Art. 6 (1): Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

Art. 6 (2): Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

Art. 7 (1): Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.

Quelle 2: UN-Kinderrechtskonvention (gekürzt)

Art. 12 (1): Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.

Art. 29 (1a): Die Bildung des Kindes muss darauf gerichtet sein, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen.

Text D3: Was Studien über Jugendliche zeigen (Daten)

Abschnitt betitelt „Text D3: Was Studien über Jugendliche zeigen (Daten)“

Einordnung: Die JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) wird seit 1998 jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest durchgeführt. Für die Ausgabe 2025 wurden 1.200 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland befragt (Juni/Juli 2025). Die Shell Jugendstudie befragt seit 1953 in Abständen von mehreren Jahren Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren; die 19. Ausgabe erschien im Oktober 2024.

Thema Befund Studie
Smartphone Die durchschnittliche Bildschirmzeit liegt bei knapp vier Stunden täglich. Zwei Drittel (68 %) fällt es schwer, die eigene Bildschirmzeit zu regulieren. JIM 2025
Falschinformationen 67 % der Jugendlichen geben an, im letzten Monat Fake News begegnet zu sein. JIM 2025
Künstliche Intelligenz Die Nutzung zur Informationssuche stieg gegenüber 2024 um 27 Prozentpunkte auf 70 %. JIM 2025
Social Media als Nachrichtenquelle Ein Viertel der 12- bis 15-Jährigen und fast die Hälfte der 16- bis 19-Jährigen folgen Influencerinnen und Influencern, die sich mit aktuellen Nachrichten beschäftigen. JIM 2025
Wichtigste Lebensziele Jeweils deutlich über 90 % nennen gute Freunde, eine Partnerschaft, der man vertrauen kann, oder ein gutes Familienleben als wichtig. Shell 2024
Sorgen Die größten Sorgen: Krieg in Europa (81 %), wirtschaftliche Lage und steigende Armut (67 %), wachsende Feindseligkeit zwischen Menschen (64 %). Shell 2024
Rollenbilder Knapp die Hälfte (49 %) wünscht sich eine eher traditionelle Aufteilung der Erwerbsarbeit mit dem Mann als Allein- oder Hauptversorger. Shell 2024
Werte Fleiß und Ehrgeiz sind 82 % wichtig. Shell 2024
  • Texte, Quellenübertragungen und Raster nach dem Textdossier der Lehrkraft „Sozialisation & Identität – Gruppenpuzzle“, für Maternet geringfügig überarbeitet. Antike Quellen sind ins Deutsche übertragen, gekürzt und sprachlich vereinfacht (Grundlage u. a. die gemeinfreie englische Übersetzung von B. Perrin, 1914). Vor einem Einsatz in einer Leistungsüberprüfung mit einer Reclam- oder Tusculum-Ausgabe abgleichen.
  • Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 2, 3, 6, 7 (amtlicher Text). UN-Kinderrechtskonvention, Art. 12 und 29 (gekürzt).
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2025, Pressemitteilung vom 14.11.2025 (mpfs.de).
  • Shell Jugendstudie 2024 (19. Ausgabe), Zusammenfassung.
  • Bild: Trinkschale des Duris, Antikensammlung Berlin, Foto Staatliche Museen zu Berlin, CC BY-SA 4.0 (zugeschnitten), Wikimedia Commons.