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Geburt, Leistung oder Ordnung?

Politik und Wirtschaft · Gesellschaftlicher Wandel · Kerncurriculum 11.1

Leitfrage Was entscheidet über die Chancen eines Menschen: Geburt, Leistung oder die politische Ordnung?

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  1. Arbeite aus M1 und M2 heraus, welche Rechte, Pflichten, Besitz, Bildungschancen und Mitsprache die Stände hatten, und erkläre, wie diese Ordnung begründet wurde.
  2. Analysiere M3: Womit begründen die Bauern 1525 ihre Forderung, und was fordern sie genau?
  3. Werte die Statistik M4 aus und erkläre mithilfe von M5 mögliche Ursachen.
  4. Vergleiche die Ständegesellschaft mit der Gesellschaft heute: Was bestimmt den Platz in der Gesellschaft, kann man ihn verändern, wie wird Ungleichheit begründet?
  5. Erörtere die These „Unsere Gesellschaft ist heute viel durchlässiger als die Ständegesellschaft.“

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war die Gesellschaft in Europa in Stände gegliedert. In welchen Stand ein Mensch hineingeboren wurde, bestimmte fast sein ganzes Leben: welche Arbeit er tat, wen er heiraten konnte, welche Kleidung er tragen durfte und vor welchem Gericht er stand.

Der erste Stand war der Klerus, also Geistliche wie Bischöfe, Äbte, Priester und Mönche. Die Kirche besaß viel Land und erhielt den Zehnten, eine Abgabe auf Ernte und Vieh. Lesen und Schreiben waren lange vor allem Sache der Geistlichen. Weil Geistliche nicht heiraten durften, wurde der Stand nicht vererbt; die hohen Ämter besetzten aber meist Söhne aus dem Adel.

Der zweite Stand war der Adel. Adlige besaßen Land und herrschten über die Menschen, die darauf lebten (Grundherrschaft). Sie sollten im Krieg kämpfen und die Bevölkerung schützen, sprachen Recht und zahlten kaum Steuern. Adel wurde durch Geburt weitergegeben.

Zum dritten Stand gehörte die große Mehrheit: Bauern, dazu in den Städten Handwerker, Händler und Tagelöhner. Viele Bauern waren Leibeigene oder Hörige. Sie durften ihr Land nicht ohne Erlaubnis verlassen, mussten Abgaben in Geld und Naturalien leisten und an bestimmten Tagen für den Grundherrn arbeiten (Frondienst). Bei Heirat oder Tod waren weitere Abgaben fällig. Mitsprache in politischen Fragen hatten sie nicht. In den Städten ging es den reichen Bürgern oft besser als dem niederen Adel, doch auch dort entschieden Herkunft und Zunft über den Beruf.

Wer gegen die Ordnung aufbegehrte, galt nicht nur als Rechtsbrecher, sondern als jemand, der sich gegen Gottes Willen stellte.

Klerus Adel Bauern und Bürger
Rechte und Pflichten
Besitz
Bildung
Mitsprache
Holzschnitt: Oben Christus mit ausgebreiteten Armen auf einem Regenbogen. Links Papst, Kardinal und Bischof mit der Inschrift Tu supplex ora, rechts Kaiser und Könige mit der Inschrift Tu protege, unten zwei Bauern bei der Feldarbeit mit der Inschrift Tuque labora.
Holzschnitt aus der „Prognosticatio“ des Johannes Lichtenberger, Druck von Jacob Meydenbach, Mainz 1492. Inschriften: „Tu supplex ora“ (Du bete demütig), „Tu protege“ (Du schütze), „Tuque labora“ (Und du arbeite).Holzschnitt von Jacob Meydenbach, 1492, gemeinfrei

Einordnung: Adalbero (um 947–1030) war Bischof von Laon in Frankreich. Um 1025 schrieb er ein Gedicht an König Robert II., in dem er die Ordnung der Gesellschaft beschreibt.

Dreigeteilt ist also das Haus Gottes, das man für eines hält: Die einen beten, die anderen kämpfen, wieder andere arbeiten. Diese drei gehören zusammen und dulden keine Trennung.

— Adalbero von Laon, Gedicht an König Robert, um 1025 (eigene Übersetzung aus dem Lateinischen, gekürzt)

Einordnung: Im Frühjahr 1525 erhoben sich in Süddeutschland, Thüringen und Österreich Zehntausende Bauern gegen ihre Grundherren (Bauernkrieg). In Memmingen fassten Vertreter der oberschwäbischen Bauern ihre Forderungen in zwölf Artikeln zusammen. Die Schrift wurde gedruckt und verbreitete sich schnell. Der Aufstand wurde von den Heeren der Fürsten niedergeschlagen; Zehntausende Bauern wurden getötet.

Der dritte Artikel (in heutiges Deutsch übertragen)

Zum Dritten ist es bisher Brauch gewesen, dass man uns als Leibeigene gehalten hat. Das ist zu beklagen, denn Christus hat uns alle mit seinem kostbaren Blutvergießen erlöst und erkauft, den Hirten genauso wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum ergibt sich aus der Schrift, dass wir frei sind und frei sein wollen. Nicht dass wir ganz frei sein und keine Obrigkeit haben wollen. […]

Originalwortlaut des Anfangs (Augsburger Druck 1525): „Zuom dritten / Ist der brauch byßher gewesen / das man vns für jr aigen leüt gehalten haben / woelch zuo erbarmen ist / angesehen das vns Christus all mitt seynem kostparlichen pluot verguessen / erloeßt vnnd erkaufft hat …“

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) berechnet regelmäßig, wie viele Kinder je nach Bildung der Eltern ein Studium beginnen („Bildungstrichter“).

Von 100 Kindern … beginnen ein Studium
aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat 78
aus Familien, in denen kein Elternteil studiert hat 25

Quelle: DZHW, Bildungstrichter 2024 (berichtet am 04.07.2024). In der Ausgabe von 2018 lauteten die Werte 79 und 27.

Soziale Ungleichheit bedeutet, dass Menschen dauerhaft ungleich Zugang zu wichtigen Gütern haben: zu Einkommen, Vermögen, Bildung, Gesundheit, Macht und Ansehen. Anders als in der Ständegesellschaft verbietet das Recht heute, Menschen wegen ihrer Herkunft zu benachteiligen. Ziel ist Chancengleichheit: Jeder soll unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Möglichkeiten haben, seine Fähigkeiten zu entwickeln.

Wie sehr die Herkunft trotzdem zählt, untersuchen Forschende mit Studien zur sozialen Mobilität, also zum Auf- und Abstieg zwischen Gesellschaftsschichten. Als mögliche Ursachen für ungleiche Bildungswege nennen sie unter anderem:

  • Geld: Studium, Auszug von zu Hause, Nachhilfe oder Auslandsaufenthalte kosten Geld.
  • Wissen und Vorbilder: Wer Eltern mit Studienerfahrung hat, kennt den Weg dorthin und hat Menschen, die bei Fragen helfen.
  • Selbstvertrauen und Erwartungen: Kinder trauen sich eher etwas zu, das in ihrem Umfeld üblich ist.
  • Entscheidungen im Bildungssystem: Schon früh wird über Schulformen entschieden; dabei spielen auch Einschätzungen von Eltern und Lehrkräften eine Rolle.

Durchlässig ist eine Gesellschaft, wenn der eigene Weg wenig von der Herkunft abhängt. Die Fachoberschule ist ein Beispiel für einen Weg, auf dem man auch ohne Abitur zu einem Studium kommen kann.

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

  • Holzschnitt: Johannes Lichtenberger, Prognosticatio, Mainz: Jacob Meydenbach 1492; gemeinfrei, Wikimedia Commons.
  • Adalbero von Laon: Carmen ad Rotbertum regem (um 1025), Vers „Triplex ergo Dei domus est quae creditur una: nunc orant, alii pugnant, aliique laborant“; eigene Übersetzung.
  • Zwölf Artikel: Dye Grundtlichen Vnd rechten haupt Artickel aller Baurschafft, Augsburg: Melchior Ramminger 1525, Transkription in Wikisource; Übertragung in heutiges Deutsch eigene Fassung.
  • DZHW: Bildungstrichter 2024, nach Bericht von news4teachers vom 04.07.2024; DZHW-Pressemitteilung zu Bildungsbeteiligungsquoten (2018).
  • Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 3 (gesetze-im-internet.de, abgerufen am 30.10.2026).
  • Darstellungstexte und Aufgaben selbst erstellt. Idee der Stunde aus der Präsentationsreihe der Lehrkraft.